Warum mir?

Warum mir? Oder besteht die Welt nur noch aus ausgesperrten Katzen und verlorenen oder seltsamen Menschen?
Fragen, welche ich mir derart nicht nur am späten Montag Abend stellte. Doch dieser Gedankengang führt in eine andere Richtung; vielleicht zu einem anderen Artikel.
Jedenfalls geschah es so:
Von der Arbeit nach Hause gekommen, breche ich noch mal auf; Katzenfutter zu holen. Nachdem ich bezahlt, die paar Cent Wechselgeld der Büchse fürs Kinderhilfswerk überlassen habe, gehe ich gut gelaunt aus dem Drogeriemarkt raus. Eigentlich bräuchte ich ja noch Kippen, weshalb ich zum Kiosk die Straße runter gehe, nur um festzustellen das es gerade geschlossen hat. So nehme ich also einen eher parallelen Weg nach Hause als sonst um diese Uhrzeit, kurz nach 19:00 Uhr. Kopfhörer habe ich diesmal nicht auf. Ständig unterwegs Musik hören will ich dann auch wieder nicht.
Schlender‘ also guter Dinge den Bürgersteig entlang. Da höre ich ein hohes Maunzen und sehe dann die kleine Katze, welche auf mich zukommt. sie trägt ein Halsband mit Glöckchen und neckischem kleinem roten Halstüchlein am Halsband. Sie lässt sich streicheln und kraulen, dabei denke ich mir: ‚Die ist aber ganz gut im Futter oder ganz gut schwanger.‘ Die Kleine läuft dann zu einer Haustür und macht ziemlich deutlich das sie da reingehört. Also schaute ich wo Licht aus den Fenstern schien und fing an zu klingeln. Niemand reagierte. Zumindest viel mir keine Reaktion auf. Dann klingelte ich der Reihe nach. Wieder nichts. Schließlich kam eine ältere Dame aus der einen Wohnung raus um mit ihrem Hund ein wenig Gassi zu gehen. Ich winkte der Dame durch das Haustürfenster zu und nahm die Katze also sicherheitshalber auf den Arm und hielt sich sicht- und praktischerweise auch mal zum Fenster hoch. Dann hielt ich sie mit beiden Händen an meine Brust, weil so klein und schon mal gar nicht zierlich war sie dann auch wieder nicht. Sie öffnete mir die Tür, erzählte das die Katze zur Nachbarin gehörte und auch raus dürfe, das sie sich schon fragte wer da Sturm klingele (die Freisprechanlage ist wohl nicht gerade das wahre), ich setzte die Katze vor der Wohnungstür ab, wo diese zugleich miauend Stellung bezog und begleitete die Dame noch ein Stück, da sie in die selbe Richtung ging wie ich. Dabei unterhielten wir uns, dass sie auch schon Katzen hatte, aus dem Tierheim so wie den Hund, dass sie über 40 Jahre für den Tierschutz tätig war, und vieles mitbekommen hätte und Menschen von ihrer schlechten Seite kennengelernt hätte, dass schon mal eine Katze eineinhalb Jahre lang verschwunden war und in Ebersberg wiedergefunden wurde, dass Freigänger gefährlich leben wegen den Autos, das sie deswegen eine Hauskatze nicht rauslassen würde, und an dem Punkt wo sie von der Chinesenmafia sprach, welche freilaufende Katzen einfängt und in den Kochtopf schmeißt, wurde mir diese gütige, nette, ältere, tierliebe Dame dann doch ein wenig unheimlich. Wir sprachen dann noch kurz vom Malen bevor sie durch eine weitere Tür in den Hinterhof verschwand, nicht ohne dass sie ungefragt erwähnte, daß sie der Katzenhalterin schöne Grüße von mir ausrichten würde.
So ging ich positiv gestimmt und berührt, mehr meinen Gedanken folgend, ca. 50 Meter weiter, höre eine Frauenstimme „Hallo!“ rufen. Darüber hinweghörend, denn mit solchen Anreden bin ich normalerweise nicht gemeint, gehe ich ein paar Schritte weiter. Wieder dieses „Hallo!“ Ich registriere, dass etwas vor mir ein junger Mann mit aufgesetzten Kopfhörern weiter geht, er war wohl nicht angesprochen, hat nichts mitbekommen – oder ignorierte es geflissentlich -, wende meinen Blick Richtung Stimme und sehe ein Frau im Bademandel vor einer geöffneten Haustür stehen. Sie stützt sich leicht an einem parkenden Wagen an, schaut mich an und wiederholt ihr „Hallo“.
Ich gehe auf sie zu, frage ob ich helfen kann. Sie wiederum fragt ob ich ihr ein Taxi rufen kann. Mal abgesehen davon, dass sie im Bademandel dasteht, erkenne ich dass sie nicht ganz Herrin ihrer Sinne ist. Ihre Stimme ist belegt, ihr Blick etwas verwaschen, die Aussprache jedoch deutlich. Ein Alkoholgeruch ist immer wieder zu riechen. Nicht stark, doch etwas hochprozentiges. Da ich normalerweise kein Taxibesteller bin, dauert es etwas. Sie nennt mir die Zentrale bei der ich anrufen soll, ihren Nachnamen und im zweiten Anlauf die korrekte Nummer. Zwischen dem Online suchen, ihren Angaben und dem Anrufen frage ich mehrmals ob ich nicht besser einen Notarzt rufen solle, beziehungsweise sage das ich das auch tun könne. „Nein“. Ich frage sie wohin sie den fahren wolle. „Das können sie schon mir überlassen.“ Wie schon erwähnt: sie ist nicht ganz anwesend, jedoch bei Bewußtsein genug um zu wissen was sie will und was nicht. Ich spreche noch zu ihr, daß ich ihr vertraue und komme mir in Anbetracht der Umstände doch etwas seltsam dabei vor. Sie hatte kein Problem damit im Bademandel in der kalten Nacht auf dem Bürgersteig zu stehen, hielt ihr Fahrziel aber für Privatsache. Ihr wird kalt, sie sagt dies, auf das sie wieder langsam reingeht, während ich noch in der Warteschleife der Taxizentrale warte. Als ich drankomme nenne ich meinen Namen, bestelle ein Taxi zur Straße und Hausnummer, schaue dabei auf die Klingelplatte, wo tatsächlich ihr Name so steht, erfahre das es 5 bis 7 min dauert und gehe durch die offen stehende Haustür zu ihrer Wohnungstür. Auch diese steht etwas offen. Ich klopfe an, betrete jedoch nicht den Flur, sehe einen umgekippten Seitenschrank, einer dieser halbhohen Schränkchen die gerne mal in Fluren stehen, am Boden liegen mit der Rückseite nach oben. Ein wenig Kleinzeug herum und etwas was leuchtet wie ein Router dabei. Seltsamerweise kam mir nicht der Gedanke Spuren von häuslicher Gewalt oder Einbruch zu sehen. Ich rufe nach hier, sie antwortet bejahend, Ich nenne die angegebene Ankunftszeit des Taxis, sie bedankt sich, ich wünsche ihr noch alles Gute und gehe langsam wieder Richtung Zuhause.
Seit dem, geht mir die Geschichte immer wieder im Kopf rum.
100% sicher sein kann man sich nie bei nirgends. Doch finde ich das ich mit Sicherheit nicht zuviel getan habe. Aber habe ich zuwenig getan? Ich weis es nicht. Ich bin mir da eben nicht sicher. An mir fällt auf, dass ich meine Einschätzung der Lage immer wieder überprüfe und dies auch bereits während des Geschehens tat. Die Frau war ansprechbar. Sie hatte Kontrolle über ihre Bewegungen. Mir fielen keine Verletzungen auf. Sie erschien mir auch sonst nicht akut gefährdet. Noch auf dem Heimweg kam mir der Vergleich zu einer Alkoholikerin, die einen Rückfall hatte und in eine Klinik will. Aber dies ist schon eine Mutmaßung. Dass ich mir dachte, dass der Taxifahrer bald vorfährt, hat mich an dem Abend zwar etwas beruhigt. Aber eigentlich habe ich Verantwortung abgegeben und mich auf das Urteilsvermögen eines Unbekannten mitverlassen.
Eine Situation im Graubereich. Ich bin zwar respektvoll mit der Dame umgegangen, doch manchmal erweist man einen tieferen Respekt dadurch, dass man in der Situation oberflächlich respektlos handelt, weil dies eben diese Situation so erfordert.
Eins ging mir vorgestern auch noch durch den Kopf. Der Taxizentrale habe ich meinen Namen genannt. Meine Mobilnummer haben sie ebenso (es kam auch einen Nachricht, ich solle die Fahrt bewerten … Hah Hah), wäre es die Art von ernstem Notfall mit Arzt und so, ich vermute mal die Polizei hätte sich schon gemeldet wegen einer Zeugenaussage. Jedoch auch dies ist nur eine Mutmaßung. Dazu ändert sich im Nachhinein der Ablauf der Ereignisse ebenso wenig wie durch solche Feststellungen. Vielleicht hätte ich noch den Beginn der Fahrt abwarten sollen. Vielleicht wollte sie ja in eine bestimmte Klinik. Vielleicht wollte sie zu bestimmten Menschen. Vielleicht, vielleicht,…
Was mir an mir selber auffiel, ist das abwägen. Ich habe nicht blind drauflos geholfen, noch habe ich die Dame und ihre Bedürfnisse ignoriert. Mir ist mehr als wenn ich bewußt wie unbewußt die Dame und ihre Situation beachtete und abwägte wie zu handeln ist.
Die letzten eineinhalb Woche waren schon sehr voll gesteckt bei mir, mit meinem Tagebuch liege ich ein paar Tage zurück, mit den Stoikern noch weiter. Mit meinen Kommentaren versuch‘ ich zwar stets nicht abgehoben zu formulieren, in der praktischen Welt zu bleiben und die Verbindung zu etwas Höherem über Moral, Ethik, Werte und Tugenden zu knüpfen. Inzwischen lasse ich dabei hin und wieder etwas persönliches von mir ganz bewußt mit einfließen. Dieser Montag Abend und die darauf folgende Zeit kommt mir aber vor wie „Meine Stoa in Realtime“. Kein Zurückbesinnen auf ‚wie habe ich‘ und ‚wie war ich‘. Kein ‚ich bin so‘ und ‚ich mache es so‘. Kein ‚ich würde so‘. Und erst recht kein ‚…man…‘. Irgendwie kommt es mir wie eine Art Prüfung vor. Zumindest überprüfe ich mich selber.
Bisher habe ich auch noch niemand davon erzählt, so blieb es allein an mir selbst mich an meinen Maßstäben zu messen und auch diese zu hinterfragen. Ohne Hilfe und ohne Beeinflussung.
Es ist halt so, das ich nicht „nur“ helfen will. Ich will besser werden im Helfen. Da fällt mir auch prompt ein, das ich meinen Erste Hilfe Kurs schon verdammt lang nicht mehr aufgefrischt habe. Das letzte Mal das ich daran dachte war auch glatt so eine Situation in der ich wirklich sehr froh war das Sanitäter und Ärzte gleich vor Ort waren. Diesmal gab es diesen professionelle Entsatz nicht. Und ein nächstes Mal mag es nicht so einfach sein an einem Wochenende oder einem anderen Abend wieder zu dieser Tür zu gehen, die Klingel drücken und ein wenig Gewissheit kriegen.
Diesmal kam ich mir nicht so leicht überfordert vor. Ich habe mein Bestes getan, so gut ich konnte in diesem Moment meines Lebens. Doch dieses Beste kann noch besser werden. Viel besser.
Carpe Diem.

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