Der Mythos des Orpheus

Es mag noch heute von Bedeutung sein wer vor 2500 Jahren oder mehr welche Schlachten schlug. Wer gewann. Und wer verlor. Warum welche Staaten und Kulturen entstanden und vergingen.
Es spielt keine Rolle wer Vorbild war für den Mythos Orpheus. Ob und wann diese Person existierte. Wichtig ist für was er heute noch steht.

Orpheus, Halbgott und sterblicher Mensch in einem, erzogen und unterrichtet von den Musen, von Apollon zu seiner Geburt mit einer neunsaitigen Harfe, einer Lyra, derart reich beschenkt, das manche munkeln dieser Gott der Musik, Dichtkunst und Gesundheit wäre sein leiblicher Vater. Eine Lyra mit neun Saiten. Für jede Muse eine Saite. So vollkommen sein Instrument, so ideal spielte er damit; sang und dichtete perfekt.
Wenn er dies tat, war er der Inbegriff der Harmonie. Selbst Jagd- und deren Beutetiere begleiteten ihn friedlich zusammen. Bei Menschen stets willkommen und feierlich empfangen, änderten bei seinen Wanderungen Flüsse ihren Lauf, Bäume wie Gebirge streckten sich ihm entgegen um ihn besser zu lauschen. Die Natur war ihm zugetan und sogar die Götter des Olymp traten aus dem Pantheon um ihn besser hören zu können.
Doch wohnte in ihm nicht nur harmonischer Frieden, auch Wissensdurst und Abenteuerlust waren ihm zu eigen.
Er begleitete Jason bei dessen Suche nach dem goldenen Vlies. Als Teil der Mannschaft ermöglichte Orpheus überhaupt das Gelingen des Abenteuers. Er war es, der mit seinen Worten der Besatzung der Argos Mut und Moral gab. Er war es, der mit seinem Rhythmus den Ruderern den Takt gab. Er war es, der mit seinem Gesang das stürmische Meer beruhigte, sowie die Sirenen übertrumpfte und sie verzweifelnd zum Schweigen brachte. Zwei Generationen später musste Odysseus listig sein um die Sirenen passieren zu können. Zur List greifen? Das hatte Orpheus nicht nötig. Ein feuerspeiender Drache bewachte das goldene Vlies. Orpheus besänftigte das Ungeheuer mit seinem Lied, so dass Jason zum goldenen Vlies greifen und sein Königreich erlangen konnte.
Nach Beendigung der Fahrt der Argonauten zog er nach Ägypten, studierte dort für ihn neues Wissen, erhöhte seine Weisheit, jedoch ohne seine Wurzeln zu verneinen und abzulehnen. Was er jedoch von nun an ablehnte war der Verzehr von Fleisch. Diese Änderung von Althergebrachten war die sichtbarste Neuerung einer Schule, welche sich um ihn bildete. Was heutzutage nicht besonders klingt, war damals geradezu revolutionär. War doch der Genuss von Tierfleisch als gottgewollt verstanden und als Pakt mit den Göttern vollzogen. Orpheus vollbrachte eine Evolution in der Religion. Was die Glaubensgemeinschaft der Orphiker, welche sich auf ihn beriefen, seit dem taten, oder vielmehr nicht mehr taten, ist in der Moderne vergleichbar mit der Ablehnung der wortwörtlichen Bibelauslegung durch Wissenschaft und Aufklärung.
Die Schule der Orphiker, hervorgegangen aus seinen direkten Schülern. wiederum sollte zwar der Kern einer neuen, nach ihm benannten Religion werden. Er selbst sah sich jedoch nicht als Religionsstifter und kehrte zurück nach Griechenland.
Dort setzte er seine Wanderungen fort. Einer dieser Wege führte ihn zu einer Waldlichtung, wo sich die Dryade Eurydike und er sich begegneten und verliebten. Sie heirateten. Das Glück jedoch währte nicht lange. Eines Tages ruhte Eurydike sich alleine schlafend im Gras einer Wiese aus. Ungebeten näherte sich ihr ein Mensch. Ob versuchte Vergewaltigung oder ungefragte impulsive Berührung, darüber differenzieren die Quellen.
Sie floh, eilte über Stock und Stein, stürzte und wurde von einer versteckten giftigen Schlange tödlich gebissen.
Der Tod entriß Orpheus seine Liebe, doch akzeptierte er dies nicht. Als erster Mensch überhaupt ging er lebend und gewollt ins Totenreich, einzig um die Liebe, um Eurydike, zurückzuholen. Orpheus trat vor das Herrscherpaar der Unterwelt, Hades und Persephone. Mit seinen Worten seines Gesangs in seiner Musik klagte er sein Leid und brachte seine Bitte vor. Derart intensiv, das der Tartaros, jenen Ort den Christen Hölle nennen, sein strafendes Werk stoppte um ihn anzuhören und bei ihm zu sein.
Hades wie Persephone, beide selbst tief berührt, gewährten ihm seinen Wunsch unter der Bedingung das er auf dem Weg zurück voraus ginge, sich nicht umblickend zu seiner Liebe während des stillen und düsteren Aufstiegs. Hintereinander beschritten beide diesen wahrlich dunklen und lautlosen Pfad. Kurz vor dem Ziel, nahe der Berührung des Tageslichtes, blickte er doch zu Eurydike, nur um zu sehen wie seine Liebe, von unsichtbaren Kräften ergriffen, in den Abgrund zurückgezogen wurde.
Er eilte zurück. Doch ein zweites Mal konnte ihn sein Herzensanliegen nicht gewährt werden. Die Regeln waren klar und unbiegbar. Selbst für Götter. Er kehrte zurück in die Welt der Lebenden. Allein, verlassen und gebrochen. So wandelte er von nun an auf der Erde. Düster und melancholisch waren nun seine Lieder. Voller Trauer und Schmerz.
Bei einer dieser einsamen Wanderungen traf er auf die Mänaden, Anhängerinnen des dionysischen Kultes des Rausches, der Triebe und der Raserei. Auf seiner Weigerung hin ihrer Aufforderung zu folgen mit ihnen zu feiern, griffen sie ihn an. Zerreißten ihn bei lebendigen Leibe in Stücke, schnitten seinen Kopf vom blutigen Rumpf ab und warfen diesen samt der Lyra in den nahen Fluß.
Doch dies war nicht das Ende von Orpheus. Während sein Haupt vom Wasser getragen zur Insel Lesbos trieb und noch dort, während die Musen seine körperlichen Bruchstücke einsammelten und begruben, sang er weiter seine Litaneien. Bis Apollon ihm zu schweigen gebot.
Selbst hier endet nicht der Mythos von Orpheus. Denn Zeus selbst nahm seine Harfe und setzte diese ans Himmelsfirmament.

So zeigt der Orpheus-Mythos nicht nur wie der Mensch sich selbst, kurz vor dem Erreichen seiner grüßten Ziele, zu Fall bringt. Wie er sich selbst im Wege ist. Nein. Orpheus versinnbildlicht das Streben des Menschen nach Höherem. Nach dem Schönem, dem Reinen, den feingeistigen Freuden. Er bildet die edle Abenteuerlust ab neues zu erleben, mehr zu wissen, weiser zu werden und dabei doch stets sich selbst, seinen Werten und Wurzeln treu zu bleiben.
Orpheus steht für die Harmonie im Universum und dafür das der Mensch selbst in Schmerz, in Düsternis, selbst in innerster Zerrissenheit bei seinen Tugenden bleiben kann.
So erlangte er als Sterblicher Unsterblichkeit und in manchen Nächten, wenn die sterblichen Menschen zum Himmel schauen, können sie in der Finsternis sein Zeichen leuchten sehen.

 

 

Der Vorleser empfiehlt Der Lyriker liest vor: Mythos Orpheus als abgewandelte Form.

Comments

  1. Wunderbar zusammengefasst und treffend interpretiert.

    Besonders schön die Passage „Orpheus steht für die Harmonie im Universum und dafür das der Mensch selbst in Schmerz, in Düsternis, selbst in innerster Zerrissenheit bei seinen Tugenden bleiben kann“

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