Die Kerze & Der Raum

Stell dir vor, du stehst alleine in einem dunklen Raum, groß wie eine Halle. Vermutest du zumindest. Denn es ist so dunkel, du kannst nichts erkennen. Keine Wände, keine Decke, keinen Boden. Trotz der absoluten Stille klingt der Raum groß, groß und leer. Als würde der Schall deines Atems von irgendwo unhörbar widerhallen. Dabei atmest du ganz flach und ruhig.
So groß wie der Raum erscheint, so beengt fühlst du dich. Und kalt. Kalt auf der Haut, kalt unter der Haut. Nichts scheint zu existieren außer dieser Hülle mit dir unter ihr.
Kennst du diese Selbstwahrnehmung?
Ja?
Wie du in diesen Raum gekommen bist?
Diese Frage kannst du zu einem anderen Zeitpunkt in einem anderen Raum beantworten.
Wie du wieder aus diesem Raum heraus kommst?

Vielleicht hilft es dir ja eine Kerze anzuzünden.
Die Kerze deiner Erinnerungen.
Mag es unwirklich erscheinen in diesem fahlen Licht, jedoch schau dir in ihrem flackerndem Schein an was du schon wertvolles getan hast.
Wie du Menschen geholfen hast, für sie da warst.
Was du für dich schon alles erreicht hast.
Was hast du alles vollendet oder getan was dir für dich selber wichtig war?
Ich meine keine äußerlichen Statussymbole. Sowas wie Erfolge in der Arbeit oder Ausbildung.
Es sei denn dies hat dir innerlich was gegeben. Die Habilitation als Zeichen deines Wissensgewinns und deiner Fähigkeiten – nicht als Zertifikat an der Wand für deinen Beruf. Deine Stellung in deiner Arbeit als Zeichen für deine Fähigkeiten und deiner Erfahrung, aber nicht als Marker deines Kontostandes oder klingendes Wort um deine Visitenkarte aufzuhübschen.
Ich meine mehr was du im privaten geleistet hast. Was du für dein soziales Umfeld getan hast. Wenn du für ein anderes Lebewesen da warst und ihm oder ihr geholfen hast.
Was ist mit deinen Hobbys, Interessen und Passionen?
Egal ob du zum Beispiel ein Gemälde gemalt oder ein besonderes Buch gelesen hast, du für dich wichtige Erfolge im Sport hattest oder philosophierst. Was ist mit alldem was deiner Persönlichkeit wichtig ist und deiner Seele guttut?

In solch einem schwarzen Raum, wo du gerade stehst, sind solche Gedanken an Erinnerungen häufig kopfgesteuert. Dein Verstand erinnert sich. Selbst wenn leise liebevolle Stimmen, die wie aus dem Nichts oder wie von dunkelgrauen Schemen durch das Schwarz gesprochen, an deinen Ohren erklingen – selbst dann dringen diese Erinnerungen durch deine Ohren ins Gehirn, jedoch nie tiefer.
Sie sind wie eine Kerze mit Docht. Ein kalter Körper, ertastbar aber leblos. Das Lichtchen deiner Erinnerungen, mehr Schein als Sein, verweht wie eine Illusion im Raum.

Doch was ist, wenn du dich zu dieser Erinnerung noch an etwas Weiteres erinnerst?
Daran wie du dich mit jemanden gefreut hast, nachdem ihr zusammen schwere Zeiten gemeistert habt? An das gute Gefühl dich erinnerst, als du etwas für dich persönlich Bedeutsames in deinem Leben erreicht hast?

Wenn du dich erinnerst und fühlst, was du in diesen Momenten fühltest: an all die Liebe, die Freude, die Zuversicht, die Leichtigkeit des Seins!
Dies ist wie ein Funke der die Kerze entflammt. Du spürst die Wärme der brennenden Kerze, siehst ihr helles Licht und hinter ihr, um dich herum, erkennst du mit einmal:
Dieser Raum ist nicht nur riesig – er ist auch noch voll!
Gefüllt mit all diesen leuchtenden, silbernen und goldenen Schätzen von dem was dir wirklich wichtig ist, was dich ausmacht. Wie Diamanten funkeln darin deine guten Erfahrungen; Momente, in denen du dich mehr bewährtest als dir möglicherweise bisher bewußt war.

Jeder von uns hat diese Kerze und jeder von uns trägt diesen Funken in sich.
Niemand ist wirklich alleine und verloren, solange dieser Mensch weis das er seine Kerze für sich leuchten lassen kann!

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