Das 27. WGT in Leipzig vom 18.5. bis 21.5.2018

 

 

Lichtblitze erhellten für Sekundenbruchteile die sternenlose Nacht, es donnerte wie bei pfeilschnellen gigantischen Pferdeherden, welche übers Firmament galoppieren und Wasser viel vom Himmel als wenn Walküren und Nornen gemeinsam das Irdische beweinen und reinwaschen wollten. Dazu erklang die Musik von Wardruna. So war die Nacht unserer Rückkehr vom diesjährigen Wave-Gotik-Treffen.
Das Projekt könnte noch am ehesten mit Ambient Pagan umschrieben werden. Beschreiben läßt es sich kaum. Gewidmet den alten nordischen Runen entfaltet jedes Lied seine eigene Magie. Gern von Klängen und Rhythmus nachgebauter alter Instrumente sowie dem Gesang in den Bann gezogen, geht diese Musik tief. Berührt einen auf einer unbewußten Ebene. Das manche in Trance tanzten während andere dabei meditierten und viele versunken lauschten, das wunderte mich nicht im geringsten. Alleine schon weil es uns auch so ging.

Doch angefangen hatte das Treffen für uns am Donnerstag in geselliger Runde zum Abendessen. Am Freitag ging es dann ins Stadtbad. Eigentlich wegen dem Headliner des Abends Ash Code hin, kamen wir schon rechtzeitig zu Guerre Froide. Die Gruppe mit der französischen Beschreibung für den kalten Krieg dem Cold Wave zuzuordnen, liegt ja praktisch in der Luft. Beziehungsweise in diesem Fall im Ohr. Mit in ihrer Muttersprache gesungenen Lieder gewannen die Genreveteranen im Laufe ihres Auftritts an Fahrt. Dumm für mich, weil französisch sprachlich nicht so meine Stärke ist. Also praktisch gesehen gar nicht. Trotzdem kam eine kühle, einsame Atmosphäre rüber. Das der Band der Auftritt gefiel, sie selber dem Publikum ebenso, und die Gruppe zwischen den Liedern sehr ehrlich ihre Freude zeigte, tat dem ganzen keinem Abbruch. Da war das Hängen des Laptop-Players beim Abspielen der Videos samt Samples gleich am Anfang nur ein kurzes amüsantes Hindernis – irgendjemand aus dem Publikum rief auch glatt „Space-Taste!“. Gesang, E-Gitarre und E-Bass waren umso echter den gesamten Auftritt über. Seit Anfang der Achtziger und nun seit ein paar Jahren wieder aktiv, merkte man den 3 Veteranen wie auch der Sängerin auch Routine und Professionalität an. Für mich war die Band eine Neuentdeckung, die ich mir gerne wieder gebe.
Nur kurz raus zum frische Luft holen, mussten wir feststellen das in den Vorräumen es voll wurde und draußen am Eingang die Leute schon Schlange standen um noch Boy Harscher und Ash Code zu erleben. Cold Wave bzw. Post-Punk scheint wieder im kommen zu seien. Weshalb zwar das Stadtbad zwar ein sehr schöner und atmosphärischer Auftrittsort ist, aber leider zu klein für diesen Andrang. Verzichtend auf ein Presssackgefühl irgendwo hinten links sind wir dann zur Agra und dort ein wenig über den Markt geschlendert.

Am Samstag Nachmittag ging es dann zum Vortrag von Lydia Benecke über „Ungesunde Beziehungen – Die Schöne und Das Biest, Twilight, Shades of Grey und Co.“ im Vereinshaus des VEID, des Bundesverband Verwaister Eltern und trauernder Kinder in Deutschland e.V., was dann promt vor das Haus verlegt werden konnte aufgrund des großen Andrangs und sonnigen Sommerwetter. Das ich den VEID nun schon zum zweiten Mal ein wenig übervoll erlebe, liegt aber auch daran, das Luci van Org parallel zum und in Abstimmung mit dem WGT ein kleines Mini-Festival zur Unterstützung dieses gemeinnützigen organisiert. Sämtliche Künstler die hier auftreten tun dies unendgeldlich.  Beneckes Vortrag Märchen, egal ob von Disney oder über Fan-Fiction entstanden, von der psychologischen Seite zu betrachten – also wie sie auch selber sagte ‚durch ihre Brille‘ – war zwar durchaus amüsant, dies aber mit bekannten und weniger bekannten Fällen zu vermischen; ich weis nicht: das war nicht so ganz mein Geschmack. Immerhin war der Vortrag eher auf eine locker-leichte populär-wissenschaftliche Weise geführt und entsprechend unterhaltsam. Technisch gesehen gut improvisiert mit Kabel für Laptop und Leinwand, ist ihre Stimme allerdings das laute Sprechen nicht gewöhnt, so das sie nur im näherem Umkreis akustisch zu verstehen war.
Wir kamen danach gerade noch rechtzeitig zur Führung durch die Sammlung des Ägyptischen Museums – Georg Steindorff – der Universität Leipzig zum Thema „Leben in Diesseits und im Jenseits im alten Ägypten“. Ebenfalls auf eine lockere Art und Weise wurde über den in seiner Vorstellungskraft eher pragmatischen Totenkult referiert. Die gelegentlichen Seitenhiebe auf die heutige Tagespolitik fand ich jetzt zwar nicht so amüsant, umso interessanter war hingegen zu erfahren das Frauen im alten Ägypten bereits rechtsfähig waren und eine eventuell gegebene Vormachtstellung in der Familie über die Paarstatuen für die Ewigkeit festhalten konnten. Soweit ich weis, war das im alten Griechenland nicht so. Überhaupt sollte es in Europa viel zu lange dauern bis das Pendel der Gleichberechtigung sich dem Ausgleich nähern sollte. Die Sammlung selber ist auch ohne Führung einen Blick wert und somit das bereits das zweite Museum in Leipzig das ich gerne wieder besuche.
Wardruna spielten als Mitternachtsspezial nach dem eigentlichen Headliner Frontline Assembly, für den wir zur Agra fuhren. Die Kanadier spielten ein Best-of-Set mit lauter Klassikern und Mindphaser als Abschluß. Auch wenn mir klar ist das Front Line Assembly zum EBM-Kanon mitgehören, so sind sie für mich doch etwas mehr in der Electro/Industrial Ecke angesiedelt. Wodurch ich dann ein wenig überrascht war mit der Heftigkeit der Moshpit vor der Bühne. Leider gab es weder Zugaben, noch Merchandise, geschweige denn was Neues. Möglich das die so empfundene Auftragsarbeit von Front  Line Assembly auch am Tod des langjährigen Bandmitglieds Jeremy Inkel lag, welcher dieses Jahr verstarb und dem die Gruppe ein Lied widmeten. Unter solchen Umständen ist man nicht unbedingt zu besonderer Spielfreude aufgelegt.

Sonntags ging es erneut im Stadtbad in der EBM-Schiene weiter. Die letzten beiden Lieder von Spark! bekamen wir noch mit. EBM mit Humor und mit guter Laune dargebracht, klangen sie recht gut. Wobei wir zu diesem Zeitpunkt nur noch am Rande beim Eingang Platz fanden, denn anschließend kam Sturm Cafe. Ihre deutschen Texte waren zwar besser verständlich als französisch, allerdings ist das live ja auch immer so eine Sache. Zumindest kamen sie erfrischend ironisch rüber, zumal der Sound typische Nitzer Epp/DAF-Schnittmenge ist. Nicht schlecht, aber für mich nicht interessant oder auch nur antreibend genug um weiter vor zuschlängeln, in den Bereich hinein wo der (EBM)Punk abging. Besser gefielen sie mir wenn die Songstrukturen eigenständiger klangen.Schade nur das die „EBM Old School“-Fraktion so auf eben diesen Nitzer Epp-DAF Sound geeicht ist und nach Sturm Cafe den Veranstaltungsort wechselte. Denn Vomito Negro waren vielleicht nicht auf diese Art offensichtlich aggressiv, aber um Klassen düsterer und nicht im geringsten zahmer. Zusammen mit den Videos und Graphiken war da ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk zu erleben. Naja, wenigsten war durch den Abgang der Pogophilen vorne mehr Platz um es zu erleben. Belgier können es halt dunkler.
Dänen ebenso.  Claus Larsen brachte anschließend ebenfalls ein Best of KLUTÆ und streute am Ende auch ein wenig Leæther Strip ein. Für eine gepflegte Moshpit war leider zu wenig Publikum da und fürs pogen kam auch nicht richtig Schwung auf. War fast leider genug Platz zum ungestörten Tanzen da und niemand  wollte mit dem Schubsetanz anfangen, beziehungsweise so ein Gothic-Jesus ging dazwischen als in einer Clique eine Rangelei mit Schwitzkasten anfing. Das die Beiden sich anschließend noch umarmten und gestikulierend zeigten das dies alles nur Spaß sei, hat den Samariter in Schwarz nicht davon abgehalten seinen Tanz in  der Mitte der Fläche fortzuführen. Gothic-Jesus mag ja abwertend klingen. Der Kerl hat allerdings tatsächlich einen Bart und schulterlanges Haar gehabt wie man es von diversen Darstellungen des Heilands kennt. Auch klamottentechnisch gab es eine gewisse Ähnlichkeit. Nur in Schwarz halt. Insgesamt war es jedoch – und auch mit, oder gerade wegen, E-Goth-Jesus – ein rundum gelungener Konzertabend, denn es muß nicht immer Kaviar sein. Und erst recht nicht Moshpit.

In das Museum der bildenden Künste ging es dann am Montag tagsüber. Diesmal zog uns allerdings ausschließlich die erste Etage in den Bann, beginnend mit der Beethoven Skulptur von Max Klinger. Für das gesamte Museum bräuchte es mehr als ein paar Stunden, eher Tage. Denn Pausen um die Eindrücke zu verarbeiten sind schon von Nöten. Die temporäre Ausstellung mit moderner Kunst lag uns weniger. Nichts gegen diese Art der Kunst, doch die ausgestellten Stücke von Künstlern, deren Namen ich nicht mal lesen wollte, sprach uns null an. Welchen Sinn hat den Kunst wenn man diese studiert haben müßte – am besten noch promoviert – um sie auch nur ansatzweise verstehen zu können. Die groben Farbschemata und geometrischen  Formen wirkten nicht einmal auf einer unbewussten emotionalen Ebene. Oder anders gesagt: es lies uns kalt und war uns egal. Wir verweilten also auch nur kurz darin, bevor wir weiterzogen.

Das keine Zeit für die anderen Etagen war, lag ehrlich gesagt daran, daß wir am Nachmittag noch zum heidnischen Dorf raus wollten. Wenn beim WGT schon auf so angenehme Weise Sommer ist, dann sollte auch dies erlebt werden. Einfach unter freien Himmel im Freundeskreis ein wenig schlendern und die Atmosphäre genießen; im Hintergrund die Musik der auftretenden Bands. Das hat schon was. Diese gewissermaßen herrlich normale – also halt anders normal, weil wir sind ja beim Wave Gotik Treffen – Atmosphäre kann einen dann eine Szene wie die folgende erleben lassen, wobei vielleicht liegt es ja auch daran das dies heidnische Dorf wohl die familienfreundlichte Lokalität des Festivals ist. Jedenfalls saßen wir gemütlich beisammen, tranken Tee, knabberten ein paar Süßigkeitkeiten, da bekamen wir eine Unterhaltung ein kurzes Stück entfernt zwischen Vater und geschätzt fünfjähriger Tochter mit. Die Kleine war quengelig und weinte auch ein wenig. Er, vom Gewand her dezenter Wikingereinschlag – allerdings ohne Hörnerhelm – und mit Bierkrug in einer Hand:“…aber versteh doch. Ich kann dich heute nicht mehr zu deinem Bruder fahrn. Morgen!“ Woraufhin sie beleidigt vorwärtsstampfte. Allerdings nicht ohne sich nach den ersten Schritten noch mal unzuschauen ob sie noch seine Aufmerksamtkeit hat. Mir schien, jenes junge Fräulein ist nicht nur kleidungstechnisch ein wenig Hofdame. Papa ließ sie ziehen ohne sie aus den Augen zu verlieren und keine zehn Meter weiter blieb sie auch schon stehen und schaute sich um was es da so alles gab. Es hätte mich auch nicht gewundert wenn sie eine viertel Stunde später wieder ihren Spaß gehabt und vor Lachen die Tränen längst vergessen hätte.
Man kann einfach nicht früh genug anfangen zu lernen, wie man seine Freude hat, obwohl man ja eigentlich was anderes vorhatte. Das Schönste aus dem machen was ist – nicht dem nachhängen was hätte sein können.
In gewisser Weise ging es uns nicht ganz unähnlich. Nur komplett ohne Tränen. Wir hatten ursprünglich vor, uns für die persönlich jeweils favorisierten Headliner den letzten Konzertabend vor unterschiedlichen Bühnen zu beenden und uns dann in der Moritzbastei wieder zu treffen.
Doch die Gemeinschaft hier war für uns schöner wie der eigentliche Wunsch eine der ursprünglichen Favoriten nun unbedingt woanders sehen zu wollen.

Im Gegensatz zum stürmischen Gewitter in München war das Pfingstwetter im Leipzig angenehm sommerlich. Auf ebenso andere feierliche Weise war Feuerschwanz als Abschluß des diesjährigen Wave-Gotik-Treffens die zweite Pfingstüberraschung nach Wardruna. Wenn eine Folk-Punk/Metal Formation bei der es hauptsächlich ums Trinken und Feiern geht, gelinkt Nichtrinker und Nüchterne ebenso zu begeistern wie die hackedichten Gesellen um uns herum, dann ist das schon was ganz besonderes. Vom Auftreten und der Lyrik her sehr selbstironisch, werden auch ernstere Themen leicht mit einem Hauch Sarkasmus besungen. Der Musikantentrupp hatte seine Freude ebenso wie das Publikum, sodass es selbstverständlich noch Zugaben gab, fast bis zum Bühnenabbau. Sozusagen.
Ausserdem habe ich noch Feuerschwanz ein neues Motto zu verdanken. „Schubsetanz ist Rittersport“. Wenn das nur der Goth-Jesses wüßte.

Am Dienstag sind wir noch zum Panometer aufgebrochen. Derzeit im 360°-Panoptikum des ehemaligen Gasometers ist die Bildinstalliation der versunken Titanic zu bestaunen. Mit fließender Musik und Licht unterlegt ist auch dieses Motiv, ebenso wie letztes Jahr das Great Barrier Riff, verführerisch dazu ausgelegt darin zu versinken, Details und Impressionen aufzuspüren. Zugegeben ist da jetzt ein kleines Wortspiel von mir mitgetaucht, doch passender und prägnanter kann ich es kaum beschreiben. Zusammen mit der sehr kompetenten Führung durch die kleine aber feine Ausstellung, bei der es beileibe nicht nur um die Titanic, sondern viel mehr um das damalige Lebensgefühl des ‚Dank Technik ist alles möglich‘-Empfindens ging, ein rundum fließender Freizeittip. Die Wortspiele kann ich manchmal einfach nicht lassen.
Der Besuch des Leipziger Zoos muß leider noch ein wenig warten. Dafür waren wir am Mittwoch dann doch etwas zu spät unterwegs, genossen allerdings die schönen Seiten Leipzigs am letzten Urlaubstag in aller Ruhe und total entspannt.
 

So kommt es auch das es diesmal nur zwei Fotos gibt. Die Holzkuppel des Panometers mit Blick gen Himmel als Einleitung und ein Ausschnitt aus einem Bild von Max Klinger als Abschluß. Kulturell wertvoll und menschlich gehaltvoll war der ganze Besuch des WGTs samt Leipzig erneut.

 

↓Ein paar Links, rein zu Informationszwecken↓
Weder halte ich irgendwelche Rechte von, noch verdiene ich irgendwas an den Inhalten oder habe gar die Kontrolle über diese.

Wardruna – Raido
Guerre Froide – Zero
Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernder Geschwister in Deutschland e.V.

Lydia Benecke im Interview zum Thema „menschliche Abgründe“
Ägyptisches Museum in Leipzig
Front Line Assembly – Mindphaser

Sturm Cafe – Es Geht
Vomito Negro – Enemy of the State
KLUTÆ – Bones in the Furnace

Museum der bildenden Künste Leipzi
Feuerschwanz – Hexenjagd
Panometer Leipzig

 

 

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